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Meine Schwester Essays

Im Alter von 15 Jahren dachte ich, ich hätte mich in einen Jungen verliebt. Ich spürte etwas, das mehr war als Sympathie. Eine tiefe seelische Verbundenheit und das Gefühl, so angenommen zu werden, wie ich bin. Kurz fragte ich mich, ob ich meine sexuelle Orientierung vielleicht doch noch einmal überdenken sollte. Doch bald wurde mir klar, dass ich keinerlei Bedürfnis verspürte, mich ihm auch körperlich zu nähern (was sich bei Mädchen in diesem Alter schon anders verhielt). Zunächst war ich irritiert: Ist das jetzt platonische Liebe? Ich erinnere mich heute noch gut daran, wie ich mir dem Fahrrad durch Mainz fuhr, am Fastnachtsbrunnen vorbei – da hatte ich einen Moment der Klarheit. Was ich spürte, war keine Liebe. Sondern Freundschaft. Tiefe, innige Freundschaft.

Ich hatte auch vorher schon Freunde, aber bis dahin waren das einfach Kinder, mit denen ich spielen konnte. Sie waren da und wir spielten oder stritten. Oder ich spielte eben alleine. Erst mit 15 Jahren nahm ich Freundschaften als eine emotionale Bindung wahr und erkannte, was sie für mein Glück bedeuteten. Ich weiß nicht, ob es „normal“ ist, das erst in diesem Alter so zu spüren, aber es hat mir sicher nicht geschadet: Seitdem sind Freunde meine Standbeine im Leben. Mit mir kann es aufwärts oder abwärts gehen, ich weiß, bei wem ich Halt finde.

Weil Freunde für mich so wichtig geworden sind, habe ich schon oft gerätselt, wie Freundschaften entstehen. Ich habe inzwischen mehr als fünf verschiedene Freundeskreise und einige „Einzelfreundschaften“. Alle diese Menschen habe ich unter ganz verschiedenen Umständen kennengelernt: In der Nachbarschaft, in der Schule, im Ausland, im Studium. Es sind völlig unterschiedliche Charaktere; und wenn sie an meinem Geburtstag in unterschiedlichen Konstellationen zusammenkommen, bin ich jedes Mal wieder gespannt, ob sie sich verstehen. Es fällt mir schwer, Merkmale zu nennen, die alle gemeinsam haben. Höchstens: haben Abitur, sind politisch interessiert und eher links, dann hört es auch schon auf. Menschen mit diesen Eigenschaften gibt es wie Sand am Meer, warum sind ausgerechnet diese so wichtig für mich geworden – und geblieben?

Die plausibelste Erklärung dafür ist für mich, dass wir gemeinsam etwas erlebt haben, was uns zusammengeschweißt hat. Am deutlichsten ist das bei den Freunden, die mit mir in Malawi waren. Ich wurde dort in eine WG mit zwei anderen Deutsche gesteckt, mit denen ich fast nichts gemeinsam hatte. Zumindest hatte ich am Anfang diesen Eindruck. Am Ende des Auslandsjahres waren wir die besten Freunde und halten heute noch Kontakt. Während der Zeit in Malawi haben wir so viele Hochs und Tiefs zusammen durchgestanden, dass wir danach jede Stärke und jede Macke des anderen nur zu gut kannten.

So kann Freundschaft entstehen – aber auch unter wesentlich weniger abenteuerlichen Rahmenbedingungen. Wenn man einfach ein paar Jahre zusammen in die gleiche Klasse geht, zum Beispiel. Und doch teilt sich nach dem Abi recht schnell die Spreu vom Weizen: Es stellt sich heraus, dass der ein oder die andere eben doch nur ein netter Sitznachbar war und der Kontakt bald einschläft. Bei anderen habe ich es schnell vermisst, sie jeden Tag zu sehen.

Welche Verbindung muss man dafür zu einem Menschen aufgebaut haben? Man muss sich im wahrsten Sinne des Wortes „verstehen“ und einen ähnlichen Blick auf die Welt haben. Humor ist meiner Erfahrung nach ein wichtiger Teil davon, ebenso vergleichbare Ansichten in ganz grundsätzlichen politischen Fragen. Das sind die Voraussetzungen. Und dann muss man noch etwas zusammen erlebt zu haben. Sei es ein unvergesslicher Urlaub – oder einige der unzähligen Geschichten, die wir dem Alkohol zu verdanken haben.

Doch selbst wenn alles passt und eine Freundschaft entsteht, hält sie nicht immer lange. Um sie aufrechtzuerhalten, braucht es einen gewissen Einsatz von beiden Seiten. Vor allem, wenn man nicht mehr in der gleichen Stadt wohnt. Die Freundschaft wird mit hoher Wahrscheinlichkeit einschlafen, wenn man sich nicht beim anderen meldet und sich nicht trotz der Distanz ab und an besucht. Es ist wie in einer Beziehung: Wer nichts investiert, setzt das gemeinsame Glück aufs Spiel.

Freundschaft ist die kleine Schwester der Liebe. In langfristigen Beziehungen ist schließlich der Partner auch immer der beste Freund. Wenn ich Zuneigung zu meinen Freunden ausdrücken will, sage ich jedoch Floskeln wie „Schön, dich zu sehen“ oder „Lass mal wieder von dir hören“. Nur wenn ich betrunken bin, traue ich mich zu sagen: Ich liebe euch.

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Published inPersönliches

Vor nicht allzu langer Zeit erzählte mir meine Mutter diese Geschichte. Es ist eine wahre, sehr kurze, eigentlich nur der Anfang einer Geschichte. Sie geht so: Meine Mutter war 25 Jahre alt, als sie Rolf das erste Mal traf. Sie lernten sich näher kennen, und eines Tages fragte sie ihn, was denn das Wertvollste, das Kostbarste sei, das er ihr geben könne. Rolf überlegte lange. Dann sagte er: «Meine Zeit.» Meine Mutter und Rolf wurden ein Paar. Sie zogen zusammen. Blieben zusammen. Rolf ist mein Vater.

Meine Mutter sagt, sie sei damals kurz enttäuscht gewesen, eine Antwort wie «Liebe» hätte sie romantischer gefunden. Aber heute weiss sie, dass er nicht hätte besser antworten können.

Mama-Tage und Papa-Tage

Mein Vater hielt Wort. Er nahm sich Zeit. Für sie. Später für uns. Als meine Schwester zur Welt kam, hörte er auf zu arbeiten. Er war Lehrer, wie meine Mutter auch. Und weil beide schon 37 Jahre alt waren, als sie sich fürs Familiegründen entschieden, fanden sie, sie hätten lang genug hundert Prozent gearbeitet und genug Geld gespart, um eine Zeit lang auszusetzen. Als ich zwei Jahre später zur Welt kam, fing mein Vater wieder an zu arbeiten. Teilzeit. fünfzig Prozent als Lehrer. 1994 kam ich in die erste Klasse, und meine Mutter nahm ebenfalls ein Fünfzigprozentpensum als Lehrerin an. Für uns hiess das: Montag, Dienstag und Mittwoch waren Mama-Tage, und es gab seltsam-gesunde Vollkorngerichte zum Zmittag. Donnerstags und freitags kamen Fertigpizzas oder Hacktätschli auf den Tisch. Papa-Tage.

Ich wurde 14, und alles wurde anders. Ich sass am Computer. Ich war im Chat-Alter. Es war kurz nach zehn Uhr abends. Es waren Sommerferien. Mein Vater sagte mir, ich solle den Computer abstellen; wenn er vom Zähneputzen zurückkomme, und sei er dann noch an, werde er wütend. Er kam nie zurück. Er brach beim Zähneputzen zusammen. Hatte einen Herzinfarkt. Fünf Minuten später war er tot. Ich schrie ihn an, er könne nicht gehen. Es sei noch nicht Zeit dafür. Er müsse doch noch bleiben. Er müsse doch auf mich aufpassen. Ich würde ihn doch lieben. Das habe ich oft gesagt, als er auf dem Badezimmerboden lag. Und ich habe oft bereut, dass ich es ihm nie gesagt hatte, als er noch lebte. Ich dachte, ich hätte noch Zeit.

Wenn ich heute erzähle, dass ich so früh meinen Vater verloren habe, dass ich sah, wie er starb, zucken die Leute zusammen. Das sei ja grausam. Und so früh. Natürlich ist es grausam. Es ist eine verdammte Frechheit, dass einem der Vater weggenommen wird. Ich habe gelitten wie, wie … – ich weiss kein Wort dafür. Aber müsste ich wählen zwischen einem Vater, der noch lebt, aber nie Zeit für mich hatte, und dem meinen, ich würde meinen wählen. Mein Vater konnte nicht ahnen, dass er so jung sterben würde. Er hat wohl intuitiv auf die richtige Karte gesetzt. Was hätte ihm eine steile Karriere genützt, wenn er dann kurz vor dem grossen Durchbruch weggestorben wäre? Und mein Vater war ein kluger Kopf. Er hätte bestimmt Karriere machen können. Ich konnte fragen, was immer ich wollte, er hatte eine Antwort. Natürlich hätte er umsatteln müssen. Als Lehrer sind die Aufstiegsmöglichkeiten eher begrenzt. Aber er hätte es sicher geschafft. Hätte mehr verdient. Wir hätten zwar nicht öfter in die Ferien gehen, aber weiter reisen können. So blieben wir meist in der Schweiz. Mieteten mit befreundeten Familien ein Haus am Murtensee oder im Tessin. Ganz ehrlich: Wir Kinder hätten gar nicht gemerkt, wenn statt einem See ein Meer vor der Tür gelegen hätte.

Die Zeit. Sie wird gern unterschätzt. Kein Wunder. Sie ist immer da, unveränderlich – und fair verteilt. Jeder hat gleich viel. 24 Stunden pro Tag. Die Frage ist nur, wie die Zeit eingeteilt wird. Es ist ja nicht falsch, viel zu arbeiten. Es ist einfach eine Entscheidung gegen das Zeithaben. Für die Familie, für sich selber. Zeit ist Geld, heisst es. Aber ist sie das wirklich? Ist sie nicht mehr? Hätte mir mein Vater ein grosses Haus und ein dickes Konto vererbt, wäre ich heute glücklicher? Bestimmt nicht. So kann ich sagen, ich habe meinen Vater gekannt. Ich habe von ihm gelernt, wie man Zeitungsbündel schnürt, wie man Hacktätschli macht. Er hat mich verarztet, wenn ich mit offenem Knie vom Spielen kam, und er hat mir alle Grimms-Märchen und vermutlich jedes Kinderbuch auf Schwiizerdütsch vorgelesen.

Es ist ein Luxus Zeit zu haben

Ich bin jetzt 26 Jahre alt. Im besten Alter quasi. Ich müsste die Zeit ausnutzen; so pusper und – wenn man den Fraueheftli glaubt – so schön wie jetzt bin ich nie mehr. Ich müsste der Welt zeigen, wie wertvoll ich und wie wertvoll meine Zeit jetzt ist. Ich habe weder Kinder, die ernährt werden müssen, noch ein Haus, das gepflegt werden muss. Ich könnte problemlos Vollzeit arbeiten. Aber ich habe mich entschieden, Zeit zu haben. Vor einem Jahr habe ich mein Pensum reduziert. Zugegeben, als ich das erste Mal meinen 60-Prozent-Lohn ausbezahlt bekam, habe ich leer geschluckt. Die Zahl, die da bei «Total» steht, ist nicht gerade gross. Dafür kann ich andere Aufträge annehmen. Und ich kann meine Freunde regelmässig sehen. Ich kann reisen und mir dabei Zeit lassen. Ich kann Sport machen und ausschlafen.

Es ist ein Luxus, den ich mir leiste. Und ich bin glücklich, so wie ich mir nun die Zeit aufteile. Nur noch selten bekomme ich ein Zeitchaos, denke, ich könne noch mehr herausholen, noch mehr Zeit für alles haben. Dann liege ich abends im Bett und habe ein schlechtes Gewissen, weil ich für Dinge keine Zeit hatte, für die ich mir Zeit nehmen wollte, und Menschen vernachlässigte, die eigentlich meine Zeit und Aufmerksamkeit verdient hätten. Dann bin ich frustriert, weil mein Tag nur 24 Stunden und nicht wenigstens ein wenig mehr hat. Und während ich gefrustet und mit Gewissensbissen daliege, verstreicht die Nacht, ohne dass ich Zeit hatte einzuschlafen. Aber das kommt selten vor. Meistens bin ich zufrieden mit meiner Zeiteinteilung. Und das Gefühl, zu wenig zu arbeiten, habe ich nie. Ich denke, die Zeit ist zu kostbar, als dass ich sie nur in meine Karriere investieren sollte.

Hätten meine Eltern mehr gearbeitet und mein Vater wäre nicht so plötzlich gestorben, hätte ich bestimmt ein anderes Zeitbewusstsein. Wie meine Freunde würde ich denken, dass ich später noch genug Zeit habe. Später. Wenn alles erledigt ist. Wenn man älter oder gar schon pensioniert ist. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, wird uns eingetrichtert. Was, wenn für das Vergnügen keine Zeit mehr ist? Die Angst, bald keine Zeit mehr für jemanden zu haben, weil die Person oder auch ich selber plötzlich weg sind, ist mein ständiger Begleiter. Als meine Grossmutter noch lebte, besuchte ich sie wöchentlich. Wenn sie im Spital war, täglich. Zu schnell kann es zu spät sein. Darum richte ich es mir auch ein, wenn meine Mutter will, dass ich ihr helfe, ihren Kleiderschrank auszumisten. Es hat zwar nichts mit helfen zu tun, ich liege auf dem Bett und schaue zu. Und ich bin auch absolut unnütz, denn sie behält die Bluse, die ich schrecklich finde, und wirft jene weg, die mir gefällt. Aber sie hat mir einmal gesagt, dass das ihre liebsten Stunden mit mir seien. Weil ich ihr dann meine Zeit schenke. Nicht ihr in Kombination mit Theater oder einem Nachtessen. Sondern nur ihr.

Ich wüsste gern, wie es wäre, wenn den Geschäftsleuten statt eines Geldbonus ein Zeitbonus ausbezahlt würde. Ein gutes Geschäftsjahr, das gibt eine Woche Ferien für alle. Hat der CEO die Firma aus dem Dreck gezogen, bekommt er zwei Wochen. Kein Geld, sondern Zeit. Vermutlich wären viele überfordert. Oder würden in den Ferien ungeduldig. Denn Pausen sind Karrierestopps. Und unser Ziel ist ja ein anderes. Nämlich innert kürzester Zeit möglichst viel erreichen. Warten hassen wir. Sogenanntes Zeitvergeuden ist uns ein Graus. Es liegt speziell in der Natur meiner Generation, aus der vorhandenen Zeit so viel wie möglich herauszuholen. Im Tram Mails checken, beim Frühstück Online-Zeitungen lesen, vor dem TV virtuelle Freundschaften pflegen. Unser Credo: Die Zeit effizient nutzen, damit mehr Zeit für anderes bleibt. Wir erachten Zeit nur dann als kostbar, wenn sie gefüllt ist mit Dingen, die kostbar sind. Einfach Zeit zu haben, macht für viele keinen Sinn.

Zeit zu haben ist nicht angesehen

Wie ich denn meine freien Tage fülle, werde ich oft gefragt. Ob mir nicht langweilig werde. Ob ich nicht mehr Geld verdienen wolle. Kein Geld für seine Zeit zu bekommen, macht misstrauisch. Ist nicht erstrebenswert. Ich muss mich oft rechtfertigen, warum ich Teilzeit arbeite. Zeit zu haben, ist nichts, womit man bluffen kann. Sich immer mit «Das Geschäft braucht mich» zu entschuldigen, ist bedeutend angesehener. Schlussendlich ist es eine Frage der Priorität. Eine Frage der Zeit. Wer bekommt das Wertvollste, das Kostbarste, das ich habe? Ich würde mich immer für meine Familie, für meine Freunde, für mich entscheiden. Und nie für einen Mann, der seiner Karriere all seine Zeit schenkt.

Fragt man Sterbende, was sie am meisten bereuen, sagen sie nicht: «Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit in meine Karriere gesteckt.» Bronnie Ware, eine australische Krankenschwester, hat während acht Jahren Sterbende in den letzten Wochen ihres Lebens begleitet. Sie hat Hunderte Gespräche geführt, letztes Jahr ist ihr Buch «The Top Five Regrets of the Dying» – Die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen – erschienen. Und «Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet» gehört zu den fünf Sätzen, die Sterbende am häufigsten genannt haben.

Ich würde meinen Vater gern fragen, ob er finde, er habe die Zeit richtig eingeteilt. Ob er etwas bedauert oder ob er alles wieder so machen würde. Hinterbliebene neigen dazu, die Verstorbenen auf einen Sockel zu stellen. Alles ein wenig rosa zu sehen. Ich vergesse oft, dass mein Vater und ich auch viel gestritten haben. Wir hatten ja auch genug Zeit, genug Möglichkeiten dafür. Wenn ich an einem Papa-Tag spielen ging, ohne vorher die Ufzgi gemacht zu haben, war mein Vater derjenige, der mir die Leviten las. Er war auch da, wenn ich ohne Erlaubnis TV schaute oder wenn ich spätabends noch am Computer sass und chattete. Dann war er derjenige, der schimpfte, und er war der Böse, der Blöde. Er war halt da. Er hatte Zeit zu streiten.

Die Zeit heilt alle Wunden

Seit zwölf Jahren hat er keine Zeit mehr. Ich brauchte lange, bis ich dies akzeptierte. Anfangs fand ich es einen Affront, wenn die Leute mich mit einem «Die Zeit heilt Wunden» trösten wollten. Aber sie hatten recht. Es geht weiter. Die Zeit trocknet Tränen. Nur, ein Mensch bleibt immer weg. Er fehlt, seine Zeit fehlt.

Die damalige Frage meiner Mutter wurde zu meiner Frage. Ich finde, mit ihr kann vieles geklärt werden. Ich habe sie bisher jedem Mann, der mir nahe stand, gestellt. Was ist das Wertvollste, das Kostbarste, das du mir schenken kannst? Für mich gibt es nur eine richtige Antwort.